Ich, ich oder ich? Die Ich-Zustände in der TA

Die drei Kreise sind das bekannte Symbol der Transaktionsanalyse und stehen für die Ich-Zustände oder auch ego states, die wir in uns tragen und aus denen wir handeln. Sie sind das grundlegende Modell auf dem alles andere in der TA aufbaut.

Als erste, kleine Einführung gehe ich die Ich-Zustände in diesem Artikel mal in der Reihenfolge in der sie in unserem Leben auftauchen durch:

Ich, das Kind

Der Kreis ganz unten ist der mit dem wir schon auf die Welt kommen – das Kind. Hier sitzen alle unverfälschten, reinen Gefühle. Ganz so wie wir es von Kindern im Idealfall kennen. Wir lieben innig, lachen, bis wir uns die Bäuche halten, sind fuchsteufelswild wütend und tief traurig. Und manchmal haben wir große Angst. Alles sehr pur und intensiv.

Mit der Zeit entwickeln sich daraus aber auch zwei andere Varianten, das angepasste Kind, das nicht anecken will und sich brav unterordnet. Und das trotzige, das mit brachialen Methoden versucht seinen Kopf durchzusetzen. Den berüchtigten Wutanfall im Supermarkt durfte vermutlich schon jeder mal miterleben.

In dieser Phase sind wir auch maximal abhängig.

Ich, als Elternteil

Denn von klein auf gibt es Eltern oder andere betreuende Menschen, die die Elternfunktion übernehmen. Von früh auf haben wir hier Vorbilder vor der Nase an denen wir uns orientieren. Ganz einfach weil wir auf sie angewiesen sind und der Mensch schon immer durch Nachahmung gelernt hat.

Im Laufe des Lebens kommen da noch einige andere Menschen hinzu, die uns als Rollenbilder prägen. Das können Großeltern, eine Nanny, Lehrer, Vorgesetzte oder auch Idole sein. Menschen, die uns in unserer Weltsicht und unseren Werten geprägt haben. Das muss nicht unbedingt immer gut sein. Aber um das zu erkennen, braucht es oft einen langen und manchmal schmerzhaften Leidens- und Erkenntnisweg. Und wir kennen diese Elternrollen, die wir schon früh beginnen zu imitieren, in zwei typischen Ausprägungen. Den fürsorglichen kümmernden Part. Und den dominanten, fordernden Part. Wir alle kennen Beispiele aus beiden Varianten.

Interessanterweise haben fast alle Menschen Momente in denen sie zu, Beispiel feststellen „oh je, ich klinge genau wie mein Vater“. Ich kann mich erinnern, wie ich mich plötzlich wiederholt eine charakteristische Redewendung meines Chefs hören sagte. Gute Indizien, dass da jemand sehr prägenden Eindruck auf uns gemacht hat. Solche wichtigen Bezugspersonen sind tief in uns verankert und kommen in den passendsten und unpassendsten Momenten zum Vorschein. Oft richtungsweisend und hilfreich, aber eben nicht immer.

Ich, der erwachsene Mensch.

Und im Laufe des Älterwerdens bilden wir dann aus dem was wir von Natur aus mitbekommen haben und dem was wir bei anderen beobachten unsere eigene Realität. Wir basteln quasi unser ureigenstes Erwachsenen-Ich. Bei Jugendlichen ist dieser faszinierende Prozess ausgesprochen spannend zu beobachten. Wenn auch als Elternteil sehr oft anstrengend.

Und im Grunde sind wir nie fertig damit. Wir lernen ein Leben lang. Wir finden neue „Eltern“ aka Rollenvorbilder, wir hinterfragen unsere Einstellungen und können uns zum Glück auch immer wieder neu entscheiden, einen neuen Lebensplan beschließen, unser erwachsenes Ich weiterentwickeln.

Keiner dieser der Ich-Zustände ist gut oder schlecht, alle haben ihre Berechtigung, ihre Zeit und ihre Freuden. Im Laufe des Tages, manchmal innerhalb von Bruchteilen von Sekunden springen wir zwischen ihnen hin und her. In unseren Gedanken und unserer Gefühlswelt und oft auch in unserem für andere sichtbaren Ausdruck.

Und was macht man jetzt damit?

Der erste Schritt ist diese Ichs in sich zu entdecken. Zum Anfang einfach mal wahrnehmen. Wo bin ich gerade, in welchem Ich bin ich besonders oft, was wäre ich gerne häufiger und wie fühle ich mich da? Wo kommt das her, wer oder was löst das in mir aus, tut mir das gut? In welchen Konstellationen entstehen meine typischen Konflikte? All das sind Themen die uns schon viel über uns selbst erzählen und uns schon oft ein gutes Stück beim SelbstBEWUSSTSEIN weiterbringen. Und man kann die Themen, die einem wichtig und verändernswert erscheinen z.B. in Coaching oder einer Therapie aufarbeiten.

Das Ziel heißt Autonomie!

Der große Entwicklungssprung ist dann, wenn wir den Sprung zwischen den Ich-Zuständen bewusst und frei tun können. Das passiert nicht von heute auf morgen. Es bedeutet, dass wir unabhängiger werden, in dem wie uns nicht mehr von anderen in ungut empfundene Zustände schicken lassen.

Wenn wir auf den cholerischen Chef nicht reagieren, indem wir uns klein und abhängig fühlen, sondern uns selbstbewusst entscheiden können, dass wir ihm lieber in der angemessenen erwachsenen Position entgegnen oder ihn einfach mal stehen lassen. Der pöbelnde Teenager keine Schimpftiraden mehr in uns auslöst, die wir im Nachhinein selbst nicht mehr besonders zielführend finden. Oder wir uns mit Freude darauf einlassen können, mit Freunden ausgelassen und albern zu sein, ohne im Kopf mit dem eigenen elterlich drohenden Finger zu fuchteln, dass das doch peinlich und unseriös ist. Das führt auch dazu, dass unsere Gegenüber nicht mehr irritiert sind, weil wir eigentlich immer aus einer angemessenen Position heraus agieren.

Diese Entwicklung ist persönlich ungemein befreiend und bereichert unsere Beziehungen sehr.

 

Der erste Schritt, ist das wahrnehmen und reflektieren. Also dann – viel Freude bei der Selbstbeobachtung.



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Kommentare zu diesem Artikel

[…] dann ist Mansplaining einfach nichts anderes als ein typisches Verhalten im Eltern-Ich: Ich habe (so denke ich) viel und mehr Ahnung von etwas als andere und lasse diese Menschen daran […]

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